Johannes GierlingerÖsterreich 2025 / 103 min
GENERATIONEN VON BILDERN - Johannes Gierlinger (103 Minuten, 2025)
Freies Kino
10. Februar 2026, 20:00
Freier Eintritt, Zählkarten an der Abendkassa
Eine Veranstaltung vom Künstlerhaus.
Ein essayistischer Film über die historischen, visuellen und mentalen Transformationsprozesse Albaniens vom kommunistischen Regime Enver Hoxhas bis in die Gegenwart. Ausgangspunkt ist ein Gedicht aus der Zeit der Diktatur, dessen Bedeutung bis heute ambivalent bleibt: regimetreues Schlaflied oder verschlüsselter Aufruf zur Revolution. Diese Mehrdeutigkeit bildet das poetische und politische Zentrum des Films. Ausgehend von Archivmaterial, privaten und offiziellen Bildern des kommunistischen Albanien, sowie neu gedrehten 16mm-Aufnahmen der Gegenwart verfolgt der Film die Spuren von Geschichte dort, wo sie sich eingeschrieben hat: in Abbildungen, Monumente, Gedichte, Filme, Bücher und Museen ebenso wie in Leerstellen, verdrängte Orte und nicht erzählte Geschichten. Jubelnde Massen, Propagandaparaden und heroische Gesten stehen neben den Berichten politisch Verfolgter, Erinnerungen an Internierungslager wie Tepelenë und Grabian sowie den Reflexionen einer jungen Generation, die den Kommunismus nicht erlebt hat, aber mit seinen Nachwirkungen lebt. Der Film legt offen, wie Geschichtsbilder entstehen, weitergegeben, umgedeutet oder vergessen werden. Eingeschmolzene Statuen, alternde Filmrollen und bislang unveröffentlichtes Archivmaterial aus dem Privatleben Enver Hoxhas machen sichtbar, wie sich Bedeutungen verschieben und wie in Propagandabildern Momente von Zögern, Ambivalenz und Inszenierung aufscheinen, besonders in den Sekunden vor dem orchestrierten Applaus. Ohne lineare Chronologie überlagern sich Zeiten, Bildformen und Stimmen. Bilder werden als formbare historische Substanz analytisch befragt. Das wiederkehrende Gedicht vom „Riesenbaby aus Eisen und Beton“ fungiert als poetischer Leitfaden und öffnet einen Resonanzraum zwischen Vergangenheit und Gegenwart. In einem indirekten Dialog zwischen Generationen – Zeitzeug:innen, politisch Verfolgten und jungen Erwachsenen – bleiben Widersprüche bestehen. Das Fehlende, das Schweigen und das Nicht-Gezeigte werden ebenso sichtbar wie die Konstruktion der Bilder selbst, durch reflexive Eingriffe in Montage, Bild und Ton. Die Materialität des 16mm-Films verleiht der Gegenwart historische Tiefe und macht Geschichte als fortwirkenden Prozess erfahrbar.
Johannes Gierlinger (Regie und Produktion) studierte an der Akademie der bildenden Künste Wien. In seiner künstlerischen Arbeit beschäftigt er sich mit Formen von Erinnerung, Gedächtnis und Widerstand sowie mit den historischen und gesellschaftlichen Spuren, die unterschiedliche politische Systeme und Epochen hinterlassen haben. Im Zentrum stehen dabei Prozesse der Transformation, Konstellationen zwischen Vergangenheit und Gegenwart sowie Fragen der Repräsentation und ihrer Wirkungsweisen. Gierlinger untersucht, wie visuelle und narrative Strukturen fortwirken und im Heute sichtbar und erfahrbar bleiben. Seine Arbeiten wurden mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Birgit-Jürgenssen-Preis, dem Outstanding Artist Award für Film des BMKÖS, dem Jahresstipendium Film des Landes Salzburg sowie dem Diagonale-Preis für den besten dokumentarischen Kurzfilm. Er zeigt seine Arbeiten auf nationalen und internationalen Filmfestivals und in Institutionen. Er lebt und arbeitet in Wien.
Lara Bellon (Produktion) lebt und arbeitet in Wien. Von 2018 bis 2022 war sie künstlerische Leiterin des This Human World – International Human Rights Film Festival. Derzeit arbeitet sie als freie Filmkuratorin und Produzentin, zuletzt an dem Langfilmprojekt BEATRIX. Nach einem Studium der Liberal Arts and Sciences am University College Maastricht absolvierte sie die Friedl Kubelka Schule für unabhängigen Film in Wien und studiert aktuell Critical Studies an der Akademie der bildenden Künste Wien. Ihre Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von künstlerischen und gesellschaftspolitischen Diskursen und ist geprägt von kuratorischen, kollektiven und prozessorientierten Arbeitsweisen.