Freies Kino: Martin Reinhart - Radical Matter - La nature vivante

5. April 2022

Martin Reinhart ist Filmemacher, Filmhistoriker und Filmtechniker. Das Programm ist eine Auswahl von Filmen aus 25 Jahre Zusammenarbeit mit Künstlern und Filmemachern bei deren technischen Planung und Umsetzung.

Zu sehen gibt es drei Filme aus den letzten zehn Jahren, die einen jeweils sehr eigenwilligen Blick auf die Natur haben und unterschiedlicher kaum sein könnten. Was sie vereint ist der Mut zum Experiment, das Ausreizen filmischer Mittel und ein oft nicht nur sprichwörtliche gemeintes an die Grenzen gehen.

Eintritt frei - Zählkarten sind am selben Tag an der Kassa erhältlich. Keine Reservierung.

Drei extreme Filme, deren Entstehungsgeschichte alles andere als einfach war und mit deren Herstellung ich auf vielfältige Weise eng verbunden bin. Bei den ersten beiden, „Im Freien“ und „Vertigo Rush“, war ich für die technische Umsetzung verantwortlich und in beiden Fällen war das eine substantielle Herausforderung. Die Prämisse von „Im Freien“ war, dass über drei Monate alle drei Minuten ein Bild mit einer analogen 16mm Kamera gemacht wird. Diese rigide Vorgabe und der Drehort in Island schonte weder das Material noch die Crew und trotzdem hat Albert Sackls Film eine wunderbare Leichtigkeit und einen subtilen Witz, dem man diese enormen Anstrengungen keinen Kader lang ansieht. „Vertigo Rush“ von Johann Lurf wiederum war das bis dato komplexeste Projekt, dass ich begleitet habe und auch dabei verschwindet der wahnwitzige technische Aufwand völlig hinter dem fulminanten Ergebnis. Die Kompromisslosigkeit dieser 20 minütigen tour de force ist unübertroffen und wer den Film noch nicht gesehen hat, kann sich auf auf ein einmaliges und intensives cineastisches Erlebnissen freuen. Den feinsinnigen und berückend schönen Film „Wind“ von Martin Putz habe ich über Jahre als liebevoll-kritischer Freund verfolgt. Auch hier war der Entstehungsprozess kompliziert und keineswegs geradlinig. Mit all diesen Filmen und ihren Machern verbindet mich eine langjährige Geschichte und eine tiefe Freundschaft. Ich selbst bin Filmemacher und was ich daran immer am meisten mochte, war die Solidarität und gegenseitige Hilfe, die keine Stunden zählt und bei der es letztlich nie ums Geld geht. Dieses Programm ist ein Dankeschön und eine Reminiszenz an diese Form von Kooperation und eine Ermutigung sich von kommerziellen Zwängen und dumpfen Utilitarismus als Künstler nicht entmutigen zu lassen.

Albert Sackl: Im Freien, 2011, 16mm, 23min.

Im Freien ist als Titel wörtlich zu nehmen, denn der Blick der Kamera richtet sich auf Ausschnitte einer kargen und unberührten Landschaft, die als Projektionsfläche dient, um den filmischen Apparat zu erforschen, filmischen Raum, Zeit und Bewegung zu (de)konstruieren. Albert Sackl analysiert diese Zusammenhänge im Rahmen einer radikalen Versuchsanordnung: Gedreht wurde während des nordischen Sommers bis zum Herbstbeginn mit einem durchgehenden Zeitrafferintervall von einem Bild alle drei Minuten. In einem Prozess analoger Linearität, der ohne Schnitt knapp drei Monate auf 23 Minuten komprimiert, treffen Kamera und Landschaft, enorme handwerkliche Präzision und Phänomene wie Licht, Schatten, Wetter, Farbe, Oberflächentextur oder die im Verlauf hereinbrechenden, immer länger werdenden Nächte aufeinander. Diese Konfrontation einer vorhersehbaren, metrisch definierten Struktur und unvorhersehbarer natürlicher Abläufe bedient sich der Umgebung, ohne sich in ihr zu verlieren oder ihrer ästhetischen Faszination zu erliegen. Die Landschaft ist gleichzeitig Projektions- wie auch Aktionsraum und so scheint es unumgänglich, dass der Mensch in diesen filmischen Raum eindringt. Zuerst zögerlich, kaum wahrnehmbar, wird kurz ein Fuß sichtbar, etwas später flüchtig eine Hand. Der Mensch, ein Fremdkörper an diesem Ort, sucht ein Verhältnis zur Landschaft und zur Kamera. Und am Ende scheint sich der Titel Im Freien ins Gegenteil zu verkehren, wenn sich aus den diversen Objekten ein Raum bildet, der vielleicht ein Projektionsraum sein mag, ein materieller Verweis auf die Apparatur, die doch immer die Bestimmende bleibt: die des Kinos. (Barbara Pichler, gekürzt von www.sixpackfilm.com)

Johann Lurf: Vertigo Rush, 2007, 35mm, 19min.

Im Zusammenspiel von Natur und (optischer) Maschine wird Verborgenes sichtbar. Die technisch aufwendige Versuchsanordnung VERTIGO RUSH besteht aus einer Serie von dolly zooms: einer Folge von in Einzelbildern aufgenommenen Kamerafahrten vorwärts und rückwärts, bei gleichzeitigem Zoom-Einsatz in jeweils gegenläufiger Richtung. Die optische Täuschung des sich zusammen schiebenden Raums wird durch zunächst sanfte, später drastische Beschleunigung dieser Pendelbewegung intensiviert - und stufenlos der Abstraktion überantwortet, in ein "sich auflösendes" Bild überführt. Die scheinbar so simple Grundsituation entfaltet genuin kinematografische Wirkung: Während in der - erst unterschwelligen, bald nervös pochenden - Sinustonspur die Frequenz stetig erhöht wird, dehnt und verdichtet sich der Raum, als wäre er digital animiert, während das kaum kontrollierbare Spiel des Tageslichts seine (dokumentarischen) Spuren sogar in diesem System strengster filmischer Reglementierung hinterlässt. Mit der Geschwindigkeitsanhebung (und dem Einbruch der Dunkelheit) im zweiten Teil des Films verengt sich der Bildraum zum nächtlichen Schock-Korridor. VERTIGO RUSH mündet in die reine Raserei der perspektivischen Verzerrung, in den kontrollierten Rausch der Geschwindigkeit: die serene velocity des entfesselten Maschinenblicks. (Stefan Grissemann, gekürzt von www.sixpackfilm.com)

Martin Putz: Wind, 2021, DCP, 30min.

„We are mad to be filming the wind; filming the impossible is what’s best in life.“ Der Traum, den Wind fassbar zu machen, bewegt Kunstschaffende schon seit Menschengedenken. Und nicht nur Joris Ivens war sich der Aussichtslosigkeit des Unterfangens vollauf bewusst. Auch Martin Putz macht sich auf in die Welt, um Menschen und Stätten des Windes zu suchen – eingedenk der Tatsache, dass nur die Dinge, die sich dem Wind in den Weg stellen, eine Ahnung davon geben können, wie er wirkt. Ohne die Reibung und Bewegung, die er verursacht, bleibt er unsichtbar. Man kann festhalten, was der Wind bewegt. Das Aufziehen der meterlangen Flügel des Windrads per Kran ist wie das Duell David gegen Goliath und wird so zu einem der Zentralbilder in Wind, wie auch der Flügelschlag des Falters im betörenden Wissenschaftsfilm. Thomas Machos Stimme erzählt an dieser Stelle vom Paradoxon, dass die einzige Beständigkeit im Wandel liegt, nämlich im Wind, der nicht aufhört, alles zu bewegen. Auch der blinde Mann in Robert Franks Life Dances On möchte den Wind fotografieren. Er wird sein Bild nie bestaunen können, aber im schieren Versuch der Niederschrift von Luftbewegungen ist auch der Atem der Welt präsent. (Regina Schlagnitweit, gekürzt von www.sixpackfilm.com)