... zu zweit, aber nicht gemeinsam

Eintrag vom 13. November 2014

Regisseurin Jessica Hausner im Gespräch mit Claus Philipp

Claus Philipp Ursprünglich war Amour Fou gar nicht als ein Film über den gemeinsamen Selbstmord von Heinrich von Kleist und Henriette Vogel geplant. Wo hat das Projekt seinen Anfang genommen?

Jessica Hausner Vor etwa zehn Jahren hatte ich einen Drehbuchentwurf geschrieben über einen Doppelselbstmord aus Liebe. Ich fand das, was ich da fabriziert hatte, aber irgendwie nicht lebendig genug, zu konstruiert. Dann hab ich’s vor zirka fünf Jahren nochmal aus der Schublade geholt und wieder überarbeitet, es hat mir wieder nicht gefallen und dann hab ich mehr oder weniger per Zufall in einer Zeitschrift einen Bericht über Kleist und Vogel gefunden. Was mich daran interessierte: Kleist hatte anscheinend mehrere Leute gefragt, ob sie mit ihm sterben wollen - seinen besten Freund, eine Cousine und dann schließlich Henriette Vogel. Das fand ich irgendwie grotesk. Es hat dieser romantischen, übersteigerten Idee von Doppelselbstmord aus Liebe eine banale, leicht lächerliche andere Seite hinzugefügt. Und das hatte in meinen alten Entwürfen gefehlt. Dieser doppelte Boden, die Ambivalenz dessen, was man so als Liebe bezeichnet.

CP Gewissermaßen die Frage, ob es jetzt tatsächlich ein Ausdruck von Liebe ist, oder einer gemeinsamen Verbundenheit, wenn man gemeinsam aus dem Leben geht? Oder ob es doch zwei egoistische Positionen sind, die da jede für sich Ausdruck suchen. Könnte man das so sagen?

JH Ja, das Bild vom gemeinschaftlichen Doppelselbstmord aus Liebe ist gemeinhin ein sehr romantisches. Mich hat es interessiert das Ganze herunterzuholen auf den wackeligen Boden der Wirklichkeit, wo dann eben das gemeinsam Sterben doch zu einem jeweils einzelnen Sterben wird. Zu zweit, aber nicht gemeinsam.

CP Ich will da noch einmal nachhaken. Vor zehn Jahren überlegt sich eine damals noch sehr junge Filmemacherin einen Film zu so einem Thema. Was hat dich zuallererst daran gereizt?

JH Für mich ist es paradox zu glauben, dass man „zu zweit sterben“ kann. Im Augenblick des Sterbens ist man unweigerlich allein, der Tod trennt einen auch immer von der anderen Person. Dieses Paradoxon hat mich, wie viele andere, gereizt. Dazu muss man wohl sagen: Amour Fou ist keine naturalistische Erzählung. Es geht nicht um einen konkreten „Fall“, sondern eher um eine Versuchsanordnung zur These: Liebe ist ein ambivalentes Gefühl. Im einen Moment ist man einander nahe, man ist eins mit der anderen Person, man versteht einander, und im nächsten Moment merkt man, wie missverständlich das ist. Dass man gleichzeitig auch gegenteilige Gefühle für die Person empfinden kann, die einen vielleicht sowieso schon längst nicht mehr liebt.

Das vollständige Gespräch finden Sie in unserer Stadtkino-Zeitung.

Film

Amour Fou

Jessica Hausner
Deutschland, Luxemburg, Österreich 2014 96 Minuten