Solange man lebt, soll man spielen

4. – 31. Juli 2014

Alain Resnais' Abschiedswerk Aimer, boire et chanter. Ein Text von Lukas Förster

Resnais' Filme leben nicht nur ewig, sie bleiben auch ewig jung.

Zu den vielen Wundern in Alain Resnais’ (Film-)Biographie kann man seit diesem Jahr auch zählen, dass sie ihr eigenes Ende mitreflektiert hat. Und zwar gleich zweimal. Sowohl Vous n'avez encore rien vu (Ihr werdet euch noch wundern) von 2012, als auch sein letzter Streich Aimer, boire et chanter, der wenige Wochen vor seinem Tod auf der Berlinale Premiere feierte, sind versch(r)obene, um ein leeres Zentrum herum organisierte Beerdigungsfilme. Beide Filme erweisen sich dabei freilich gleichzeitig Feste des Lebens, die man auf einen ebenso einfachen, wie genialen Nenner bringen kann: solange man lebt, soll man spielen (und frau auch, unbedingt…). In Vous n'avez encore rien vu hatte ein Theaterautor nach seinem Tod seine Lieblingsschauspieler per Videobotschaft zusammengetrommelt, für eine letzte gemeinsame Performance. Im neuen Film bringt der bevorstehende Tod des George Riley einen kleinen Kreis aus einstigen Geliebten und Freunden zusammen, die dann beschließen, ihren alten Weggefährten, seiner schweren Krankheit zum Trotz, in ein Theaterstück integrieren, das sie selber gerade planen ("Life of Riley" heißt das Bühnenstück von Alan Ayckbourn, auf dem der Film basiert; Ayckbourn ist ein Lieblingsautor Resnais’, der vorher schon zwei andere Werke des Briten adaptiert hatte). Einer der Clous der Sache: Obwohl vor allem die Frauen geradezu obsessiv um diesen Riley herumschwirren und dabei von ihren Ehemännern und Vätern kaum im Zaum gehalten werden können, taucht die vermeintliche Hauptfigur selbst im gesamten Film kein einziges Mal auf.

Aimer, boire et chanter schreibt den Raum des Theaters, die Bühne, selbst für Resnais’ Verhältnisse besonders explizit in den Kinoraum ein: Nach einem gleichzeitig beschwingten und absichtsvoll kruden Prolog, der unmissverständlich klarmacht, dass es sich beim Folgenden um eine Posse aus der Provinz - und zwar: aus der tiefsten Provinz - handelt, spielt fast der gesamte Film an lediglich drei Orten. Genauer gesagt in den Vorgärten dreier Häuser, wo ausführlich über Riley gestritten wird. Die Häuser bestehen lediglich aus nebeneinander aufgehängten, farbigen Streifen, die auseinandergeschoben und durchschritten werden können wie Bühnenvorhänge, die Blumen im Garten sind gemalt, die Lichteffekte (wunderschön) stilisiert. In einem der Gärten grüßt, als heimlicher Star des Films, ein animierter Maulwurf. Und wenn der Film von den frontalen Ensembleaufnahmen, aus denen er hauptsächlich besteht, in die Großaufnahme wechselt, dann schreiben sich die Gesichter plötzlich in einen ganz anderen Raum ein, in einen schwarz-weiß geriffelten, der an die Panels von Comics erinnert. Und weil das alles noch nicht selbst- und medienreflexiv genug ist: In einem dem filmischen Blick nicht zugänglichen Gegenüber einer dieser Gartenbühnen wird im Laufe des Films eine zweite Bühne aufgebaut, auf der ein für die Kinozuschauer unsichtbares Theaterstück geprobt wird.

Aimer, boire et chanter lässt das kunstvoll orchestrierte Gartengeplauder nur langsam eskalieren, nimmt schließlich aber, nach dem amüsant-lockeren Beginn, doch noch eine melodramatische Wendung, die erstaunlich intensiv ausgespielt und ausinszeniert wird (und zu deren Vollendung der Film schließlich von der Halböffentlichkeit der Gärten in die neurotisch eingefärbte Privatheit der jeweils eigenen vier Wände wechselt; dabei werden Erinnerungen wach an Melo, einen der allerschönsten, ebenfalls sehr theaterlastigen Filme des Regisseurs). Das Begehren der Frauen, die Eifersucht der Männer richtet sich immer neu und immer ausschließlicher auf den unsichtbaren, todkranken George. Der Film endet mit einer Abschiedszeremonie, die ihrerseits alle vorher etablierten Regeln komplett über den Haufen wirft und in der mysteriösen Schlussszene mit der Fotografie ein weiteres Medium ins Spiel bringt. In ein Spiel, von dem man noch nicht so ganz glauben möchte, dass es nun wirklich zu Ende gegangen sein soll. Lieber erinnert man sich noch einmal an Vous n'avez encore rien vu; an den Regisseur, der auch nach seinem Tod noch in der Lage ist, das Diesseits in freudige, geradezu ekstatische Unruhe zu versetzen. Stimmt ja auch: Resnais’ Filme leben nicht nur ewig, sie bleiben auch ewig jung, werden auch in Zukunft eine Herausforderung darstellen für den meist doch viel zu braven, auch viel zu brav in E- und U-Kultur geordneten Alltag des Kinos.

Auszug aus einem Text von Lukas Förster, erschienen in unserer Stadtkino Zeitung

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