Peter Handke

Eintrag vom 01. Dezember 2016

Bin im Wald, kann sein, dass ich mich verspäte.

Ab 2.12. in den österreichischen Kinos zu sehen: Ein spannendes Portrait, das tiefe Einblicke in das Leben und Schaffen eines Künstlers, eines Unbequemen liefert. Mit seiner lyrischen Vielstimmigkeit und Vielschichtigkeit wird der Film zu einem vergnüglichen Streifzug durch Handkes Wesen und Anwesen. (Ö1)

Auszüge aus einem Gespräch mit der Regisseurin Corinna Belz.

Wie ist die Idee zu ihrem Film entstanden?

Nach meinem Film über Gerhard Richter wollte ich etwas über Sprache machen. Wir leben in einer bilderüberfluteten und durch Bilder gesteuerten Welt, und es erschien mir richtig, meine Aufmerksamkeit von den Bildern auf die Sprache zu lenken. In dieser Zeit wurde gerade das Stück „Immer noch Sturm” von Handke uraufgeführt, ich schaute es mir in Salzburg an und dachte, ein Film über einen Schriftsteller kann der Sprache etwas zurückgeben. Es war eine neue Herausforderung, den Bogen vom Bild zur Schrift zu spannen, zum Schriftbild – und mir die Frage zu stellen, ob ich eine Form für das Kino finden kann, in der der Zuschauer manchmal vom Betrachter zum Leser wird.

Welche Beziehung haben sie zum Lesen und zu den Büchern von Peter Handke?

Lange bevor ich daran dachte, Filme zu machen, wollte ich lesen. Der Wunsch lesen zu können war eigentlich meine erste eigene Idee als Kind, etwas, woran ich mich deutlich erinnere, fast so eine Art Projekt. Man spürt ja als Kind, dass Erwachsene, die lesen, über die Fähigkeit verfügen, aus abstrakten Zeichen etwas zu entziffern. Vielleicht erschien mir das Lesen als eine Art Geheimwissen. Das ist – abgesehen von dem Wald vor unserer Haustüre, der vielleicht auch zum Titel dieses Films beigetragen hat – die erste bewusste Entdeckung, an die ich mich erinnere, vielleicht weil die Fähigkeit zu lesen nicht angeboren ist, weil sie einem nicht einfach zufällt. (...)

Wie verliefen die Gespräche mit Peter Handke?

Gespräche mit Peter Handke sind nicht einfach, „es geht um alles”. Das wurde mir sofort klar, es geht immer um alles, jedes Wort zählt und kann in Frage gestellt oder zurückgewiesen werden. „Wut ist nicht das richtige Wort”, „Lieblingsfilm ist kein schönes Wort”. Das Wort „Arbeit” mag er schon gar nicht. An statt „Schreiben” sagt er „Tun”. Einerseits wird man sich dadurch bewusst, was man so alles vor sich hin redet und schreibt, wenn der Tag lang ist. Auf der an deren Seite musste ich während des Drehens beschließen, mich nicht irritieren oder einschüchtern zu lassen und bei meiner eigenen, manchmal stockenden oder unzulänglichen Sprache zu bleiben. Man hat ja, wie man von Handke im Film lernen kann, meistens einen zweiten Versuch, kann Anlauf nehmen und etwas anders ausdrücken. Ich glaube, ich bin selbst schon relativ empfindlich gegenüber bestimmten Worthülsen und Sprachwendungen, die jeden weiteren Gedanken verhindern, aber während der Arbeit an diesem Film – ja, ich sage „Arbeit“ – wurde ich auf gute Weise hellhörig. Und es wäre schön, wenn der Film vielleicht eine gewisse Hellhörigkeit für Sprache vermitteln könnte. Um das Zitat aus seinem Film „Chronik der Laufenden Ereignisse” aufzunehmen – es geht nicht nur um die Frage: Wie sollen wir leben? sondern auch um die Frage: Wie wollen wir miteinander reden?

Einen längeren Auszug aus dem Gespräch finden Sie in unserer Stadtkino-Zeitung.

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