"Am liebsten wollte ich gleich wieder zurück"

Eintrag vom 02. September 2016

Ab heute bei uns zu sehen: Houchang und Tom-Dariusch Allahyaris Familien- und Reiseporträt.

Auszüge aus einem Gespräch der beiden Regisseure mit Claus Philipp, in voller Länge zu finden in unserer aktuellen Stadtkino-Zeitung.

CP: Dariusch, kannst du dich daran erinnern, wann dir zum ersten Mal aufgefallen ist, dass dein Vater eigentlich aus einem anderen Kulturkreis stammt?

TD: Das war mir schon immer bewusst. Wir standen in Kontakt zu unserer Verwandtschaft im Iran, unsere Großmutter hat uns sogar in Wien besucht. In der Schule habe ich schon bemerkt, dass ich nicht genau so wie die anderen Kinder bin. Aber wirklich aktuell wurde es für mich erst zur Zeit der Revolution Ende der 70er Jahre, als ich auch dauernd darauf angesprochen wurde.

CP: War deine Position da eher eine defensive, im Sinne von „erklären müssen“, oder eine stolze?

TD: Gemischt, aber mehr eine stolze Position. Trotz der mitschwingenden Inländer/Ausländer Problematik damals – im Prinzip war ich immer stolz auf meine Herkunft.

CP: Houchang, du fährst in deinem Film mit deinem Sohn in den Iran, um ihm deinen Hintergrund zu vermitteln. Was hat eigentlich dein Vater mit dir gemacht? Welche Rolle hat er in deinem Leben gespielt?

HA: Er hat keine große Rolle gespielt. Wir hatten im Süden Teherans eine kleine Fabrik, die Papier und Karton herstellte. Als Kind musste ich immer wieder dort sein und habe es gehasst. Meine Welt lag eher bei meiner Mutter und Großmutter. Mein Vater ist leider auch sehr früh gestorben, da war ich gerade erst ein Jahr in Wien. Unsere Beziehung war somit nicht sehr intensiv. Und das hat mir im Nachhinein Leid getan. Die väterlichen Gefühle, die ich gegenüber meinen Kindern hatte, waren immer viel stärker, auch wenn es hin und wieder konfliktreich war. Und der große Stolz und die Freude ist die Zusammenarbeit mit Dariusch.

CP: Warum waren die Frauen bei dir wichtiger als die Männer?

HA: Weil sie etwas zu sagen hatten – und die Männer nicht.

TD: Ich habe meine Großmutter immer als Familienoberhaupt erlebt. Es hat sich alles immer um sie geschart. Sie war nicht besonders autoritär, aber die Kinder hatten schon ordentlichen Respekt vor ihr.

CP: Du hast ein schönes Interview in der Tageszeitung „Die Presse“ gegeben, wo du beschreibst, wie deprimierend für dich deine Ankunft in Österreich war. Warum wolltest du hierher?

HA: Erstens habe ich ein Land gesucht, in dem ich kostengünstig studieren konnte. Zweitens wollte ich nicht mehr im Iran bleiben und etwas Neues erleben. Und drittens hat die österreichische Kulturabteilung damals Broschüren im Iran verteilt, dass man in Österreich studieren könnte. Gegen den Willen meiner Familie bin ich dann hierher gekommen. Ich hatte fast kein Geld und musste mir alles selbst verdienen. Nach dem Interview in der „Presse“ haben mir viele Leute geschrieben und mich gefragt, wie ich auf die Idee kam, dass alles in Wien damals „tot“ war – dabei war das nur eine Beschreibung meiner Gefühle und meines Empfindens. Aber am Liebsten wollte ich gleich wieder zurück in den Iran. Erst mit der Zeit habe ich mich mit meinem neuen Leben hier angefreundet. Und jetzt möchte ich nirgendwo anders mehr leben als in Österreich.

CP: Was ist dein Gefühl gegenüber den Sujets und den Formen, die dein Vater als Filmemacher gewählt hat?

TD: In meiner Erinnerung fand ich das immer sehr interessant. Wie geht es Leuten, die ins Gefängnis kommen, Außenseitern jeglicher Art? Diese Fragen und Milieus waren spannend für mich. Damit tue ich mir leichter als mit Filmen, die in der gehobenen Gesellschaft spielen.

CP: Du warst ab Fleischwolf immer irgendwie involviert?

TD: Ich weiß jetzt gar nicht, ob ich das so erzählen soll … Schon seit meiner Kindheit habe ich immer sehr gerne geschrieben. Soweit ich mich erinnere, haben das meine Eltern heimlich gelesen. Und so kam es dann zu meiner Mitarbeit bei Fleischwolf und ich durfte am Set gleichberechtigt mitarbeiten. Von da an habe ich an den Drehbüchern immer mitgearbeitet.

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