Der Preis der Freiheit

Eintrag vom 28. August 2015

Regisseur Philippe Garrel im Gespräch mit Jean-Michel Frodon

Ist Der Schatten von Frauen wieder drehbuchlastiger als Ihre früheren Filme?

Ja. Nachdem ich jetzt eine Zeit lang nur improvisierte Filme gemacht habe, war es aufgrund mehrerer Faktoren gut, wieder ein Drehbuch zu haben – hauptsächlich wegen organisatorischer Fragen, aber auch um den Film finanziert zu bekommen. Von einer ökonomischen Sichtweise betrachtet war das einfach nicht mehr praktikabel – aber das Drehbuch hat dem Film tatsächlich gut getan.

Unterschied sich das Schreiben dieses Drehbuchs von Ihren vorherigen Arbeiten?

Ja, vor allem wegen Jean-Claude Carrière. Er verfasste das Konzept des Drehbuchs, das auf einer Geschichte basierte, die ich vorher nicht hatte. Ich kannte Carrière aufgrund seiner Arbeit an Rette sich, wer kann (das Leben) (1980) und fragte ihn, wie diese Zusammenarbeit mit Jean-Luc Godard war. Er erzählte mir, dass Godard ihm den Ort und die Charaktere vorgab. Dieser Ansatz war für mich perfekt und wir gingen genau so vor. Arlette Langmann und Caroline Deruas, die bereits an La Jalousie (2013) mitarbeiteten, arbeiteten wir ein Sujet aus, das wir Carrière gaben, der erste Entwicklungen vorschlug. Wir haben das dann gemeinsam überarbeitet und jeder unterschiedliche Elemente beigetragen.

Wie definieren Sie das Sujet des Films?

Es geht darum, dass die weibliche Libido genauso stark ist wie die männliche. Der Schatten von Frauen erzählt meiner Meinung nach von der Gleichheit von Frauen und Männern – soweit das im Kino möglich ist. Kino ist von Männern entworfen worden und sie bestimmen in gewisser Weise immer wie wir etwas sehen, erzählen oder darstellen – obwohl es in letzter Zeit Gott sei Dank immer mehr Filmemacherinnen gibt. Aber meistens ist es doch so: Die Frauen auf der Leinwand sprechen die Worte, die ihnen ein Mann in den Mund gelegt hat. Ich habe versucht, das zu umgehen, indem wir zu viert gearbeitet haben – zwei Männer, zwei Frauen.

Spielt das Drehbuch bei den Dreharbeiten eine zentrale Rolle?

Keine zentrale, denn für mich ist entscheidend, was bei den Dreharbeiten passiert. Das Drehbuch spielt natürlich eine wichtige Rolle, insbesondere im Hinblick auf die Umstände, unter denen diese Filme entstehen, schnell und mit wenig Budget. Je ausführlicher wir uns mit dem Drehbuch beschäftigen, umso schneller können wir arbeiten. Wenn man so einen Film in 21 Tagen, chronologisch, in Paris und Umgebung drehen will, bedeutet das, das Drehbuch muss solide sein. Es sagt uns schließlich auch, wie wir beim Schnitt arbeiten werden. Unter solchen Bedingungen kann man es sich nicht leisten, etwas wegzuschmeißen – alles, was wir drehen ist notwendig und kommt auch im Film vor. Um genau zu sein, der Schnitt besteht aus Anpassungen dessen, was man sich beim Schreiben und Drehen des Films vorgestellt hat. Aber ein Drehbuch kann und darf nicht alles vorherbestimmen: Es gibt Dinge, die können nur mit der Kamera geschrieben werden – das ist vermutlich am wichtigsten. Echte Risiken geht man beim Drehen ein.

Eine ausführliche Version dieses Gesprächs finden Sie in unserer aktuellen Stadtkino-Zeitung.

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