Diktatur der Güte

Eintrag vom 06. Februar 2015

Wenn alle schweigen, heißt es, haben die Schweigenden eine Stimme. In einem Film, in dem jeder beinahe andauernd spricht, kann vielleicht nur gehört werden, wer verzichtet.

Nuri Bilge Ceylans neuer Film Winterschlaf offenbart so eine bedeutende Entsagung gegen Ende hin. Zweifellos ist diese dann ein Sieg über Konstrukte, die vor allem auch durch Worte aufrechterhalten, gestärkt und weitergegeben werden - durch Reden, durch Phrasen, durch Floskeln, durch Täuschung. Es ist ein Sieg über eine Idee, sogar Ideologie, über eine Illusion, über ein System, in dem - schlicht formuliert - jemand diktiert.

Aydin (Haluk Bilginer), ein gepflegter, attraktiver Mann Ende Fünfzig, Anfang Sechzig, verbringt vor allem die Winter gerne in dem kleinen Hotel, das er inmitten einer Felsenhaus-Siedlung in Kappadokien besitzt. Hierhin folgte ihm schon vor längerer Zeit, aus ihrer Heimatstadt Istanbul, seine Schwester Necla (Demet Akbag), nachdem sie sich scheiden ließ sowie seine beträchtlich jüngere Frau, die schöne Nihal (Melisa Sözen). Als ehemaliger Schauspieler schreibt Aydin nun ein Buch über das türkische Theater und regelmäßig moralische Kolumnen für eine Zeitung. Abseits seines Schreibtisches bleibt er aber konsequent tatenlos. Vor allem ergeht er sich gerne in Debatten über Politik, Religion und Literatur. Vorzugsweise mit wenigen Freunden oder - dann meist als Streitgespräch - mit seiner Schwester, die in Ansätzen immer wieder aufbegehrt. So gut wie nie allerdings setzt er sich ernsthaft mit seiner Frau auseinander, die er für ihr Engagement in Wohltätigkeits-Aktivitäten insgeheim belächelt. Seine Emotionen, so scheint es, hat Aydin unter einem Panzer von intellektueller Überlegenheit und einstudiertem Zynismus verborgen. „Ich wünschte meine Schwelle zur Selbsttäuschung wäre so niedrig wie deine“, sagt ihm Necla.

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